Tim Oliver Schultz: „Zu Hause bin ich der Eventkoch“

Tim Oliver Schultz: „Zu Hause bin ich der Eventkoch“

Schauspieler Tim Oliver Schultz liebt es, in seiner Außenküche für Freund:innen zu kochen. Wie seine Leidenschaft fürs Kochen entstand und in welchen Restaurants er sich in Berlin richtig wohlfühlt, hat er uns im Foodie-Interview verraten. 
Datum06.03.2023

Das Interview wurde von der Redaktion im Herbst 2022 geführt

Biografie Tim Oliver Schultz

Der Schauspieler Tim Oliver Schultz, geboren 1988, ist in Berlin-Wannsee aufgewachsen. Mit 11 wurde er entdeckt, später studierte er in Wien Theater, Film und Medienwissenschaften sowie Film- und Fernsehproduktion an der dffb in Berlin. Zu sehen war er 2011 in seiner ersten Kinofilmhauptrolle in „Ameisen gehen andere Wege“ als Abiturient Richard, der nach dem Suizid seines Vaters freiwillig in ein Jugendheim zieht. Den Grimme-Preis erhielt er für seine Hauptrolle als krebskranker Leo in der TV-Serie „Club der roten Bänder“ (2015–2019), 2021 beeindruckte er in der ARD in „Goldjungs“, einer Filmsatire, inspiriert durch die Bankenpleite der Herstatt-Bank 1974 in Köln. In „Der junge Häuptling Winnetou“ ist er derzeit im Kino als Nagi-Nita, der rechten Hand des Apachenhäuptlings, zu sehen. In der Mystery-Serie „Souls“ tritt er auf WOW und SKY auf. Im Frühjahr 2023 spielt er im Kinofilm „Manta Manta 2“, der Fortsetzung der Actionkomödie von 1991, den Sohn von Til Schweiger. Er lebt in Berlin und hat ein Kind.

Foodie: Lieber Tim, du stehst seit 2001 vor der Kamera – gerade hast du mit Til Schweiger gedreht, im neuen Winnetou-Film spielst du mit – und du kochst!

Tim Oliver Schultz: Stimmt – und oft und ich denke auch gut. Immer montags und freitags kam meine Oma, Mamas Mama, zu uns und hat für uns gekocht. Ich bin bei meiner Mutter mit drei Geschwistern groß geworden. Wenn meine Oma dann da war, war ich in der Küche und hab mit einer Kinderschere Petersilie in einen blauen Plastikbecher geschnippelt. Bis heute muss ich an meine Omi denken, wenn ich Petersilie schneide.

Foodie: Was hat sie gekocht?

Tim Oliver Schultz: Sie war eine richtige Berlinerin, Reis mit Hack gab es, Hühnerfrikassee, Senfeier und Klöße mit Kapern in der Sauce, das waren wohl Königsberger Klopse. Sie hat die Kochschürze angezogen, Sachen auf den Tisch gestellt … und ich durfte mitmachen, das fand ich cool. Meine Mutter hat mit nicht ganz so viel Liebe gekocht – von ihr habe ich anderes gelernt: Herzlichkeit, Gastgebertum und die Liebe zur Musik. Sie wollte sich nicht merken, dass ich Kartoffelpuffer hasse, am liebsten hat sie Mirácoli gekocht …

Foodie: … eins der erfolgreichsten Fertiggerichte in Deutschland, eingeführt 1961, mit Spaghetti, Tomatensauce und einem Tütchen geriebenem Hartkäse ...

Tim Oliver Schultz:…bis heute mag ich diesen muffigen Geruch von pulvrigem Käse nicht. Als meine Mutter später zu mir zum Essen kam, hat sie auch den schönen Satz geprägt: „Bei Timmy schmeckt’s ja schon lecker, aber das dauert immer sooo lange“.

Foodie: Wann hast du angefangen, selbst zu kochen? 

Tim Oliver Schultz: Direkt nach dem Abitur bin ich ausgezogen. Da war ich 19. Ich hatte Kochkarten geschenkt bekommen – vorne waren Bildchen drauf, auf der Rückseite standen Sachen – auf einer Karte ging es um mit Salami umwickeltes Hühnchen mit Ratatouille. Das interessierte mich, schon beim ersten Versuch fing ich an, mit Zitrone, frischem Thymian rumzuspielen. Die Lust am Ausprobieren war geweckt. Beim Studium in Wien kam ich dann mit Leuten zusammen, die mir Bio und Nachhaltigkeit nahebrachten, wir machten Whiskey-Abende, stampften Kartoffeln für das Püree, drehten das Fleisch für unsere Buletten selbst durch den Wolf. Zurück in Berlin bin ich dann mit einer inspirierenden Vegetarierin zusammengekommen. Als sie schwanger wurde, habe ich das Kochen übernommen und mich richtig ins Zeug gelegt; Töpfe, Pfannen. Kochutensilien gekauft, habe Pestos gemacht ohne Ende. Als unser Kind geboren war, hat sie Couscous gekocht oder einfachere Eintöpfe. Ich war dann mehr der Eventkoch. Es gab kreative Risottos, aufwendige Pastasaucen, Fleischbällchen mit hausgemachtem Sugo – ich denke, unser Kind soll einmal selbst entscheiden, ob es auch Fleisch oder nur Gemüse will ...

Foodie: Du hast ein Kind!? Das ist nicht bekannt.

Tim Oliver Schultz: Ja, irgendwie fühlt es sich nun richtig an, darüber zu reden. Meine große Ambition ist, dass dieser kleine Mensch, wie ich einst durch meine Oma, einen Zugang zum Kochen findet. Wenn ich mir aussuchen könnte, was er mal wird, dann wäre es Rockstar, der Schlagzeuger – und ich steh hinter der Bühne und bin Groupie (lacht). Nach der Vorstellung wird gekocht, vielleicht gemeinsam im eigenen Restaurant. Musik und Kochen – das beides zusammen wäre absolut genial.

Foodie: Hast du die Gerichte deiner Oma schon für ihn gekocht?

Tim Oliver Schultz: Obwohl ich schwierige Sachen koche, die mir keiner zutrauen würde, traue ich mich an manches meiner Omi nicht ran. Etwa Hühnerfrikassee, eigentlich simpel – aber ich habe Angst, dass ich ihr nicht gerecht werde und es bei ihm nicht auslöst, was es bei mir einst bewirkt hat.

Foodie: Was isst dein Kind gerne?

Tim Oliver Schultz: Das Größte ist Papas Milchreis – manchmal mit Kokosmilch, mit Hafermilch, Ahornsirup oder Apfelmus, Mangomus, gehackten Mandeln oder Chiasamen. Dann kann man das als Vulkan anrichten, oben kommt die Lava aus pürierten Beeren raus, je nach Saison natürlich und bio. „Papa, wir müssen ein Milchreisrestaurant eröffnen!“, hieß es schon öfter.

Foodie: Welche Sachen kochst du sonst?

Tim Oliver Schultz: Ich bin wahnsinnig wissbegierig. Bouillabaisse ist ja eines der aufwendigsten und auch teuersten Gerichte, wenn man den richtigen Fisch nimmt. Bei meiner ersten Bouillabaisse im Restaurant hat es mir aber vor allem die Sauce rouille angetan, die wollte ich selber machen; viel Knoblauch, Paprika, Brot reinschneiden, pürieren, dann zieht man das hoch, dazu noch Weißbrot mit Olivenöl. Es wurde gesagt, dass meine Bouillabaisse samt Brot und Sauce rouille besser sei als im „Borchardt“ oder der „Paris Bar“. Auch Paella kann ich gut. Zum Dreh von „Winnetou“ war ich zwei Monate in Spanien. Ich hatte eine eigene Wohnung und dachte, jetzt kannst du leckere spanische Küche lernen. Meine spanischen Vermieter haben abgewunken. „Du kannst keine Paella machen, du bist aus Deutschland.“ Doch ich habe mir eine Paella-Pfanne besorgt, Brühe gekocht, Zutaten besorgt. Es gibt eine Version mit Hase, eine andere mit Chorizo – wenn ich selbst gekochte Hühnerbrühe und Fischbrühe nehme, kommt die Chorizo gut, dachte ich, Meeresfrüchte, Fisch, dann Erbsen, Paprika, Safran dazu – und natürlich Arroz Bomba aus Valencia, da kommt die Paella her – und hab eine tolle Paella gemacht mit schöner Kruste unten. Alle waren begeistert.

Foodie: Zum Winnetou-Film: Kannst du das Bashing von Buch und Film nachvollziehen?

Tim Oliver Schultz: Dass es Leute gibt, Natives, die sich offended fühlen, tut mir fürchterlich leid. Dass dieser beleidigende Shitstorm die Chance auf Diskussion genommen hat, ist total schade. Für mich bleibt immer noch die Devise, dass miteinander reden viel mehr bringt, als übereinander zu meckern. Beim Film reden wir über Fiktion und nicht Lehrfunktion. Man hätte eine Dokumentation zum Buch oder Film machen können ... diese Aufgeladenheit halte ich für toxisch, für hochgefährlich, und ich hoffe, dass diese Kultur der Meckerei wieder abgelöst wird.

Foodie: Wo fühlst du dich wohl in Berlin?

Tim Oliver Schultz: Im „India Club“, Berlins bestem indischen Restaurant, dort habe ich sogar mal einen Kochkurs belegt, im „Tulus Lotrek“ hatte ich einen sehr schönen Abend mit meiner Mutter, im „Monsieur Vong“ bin ich seit 15 Jahren gerne und im „Lon Men’s Noodle House“. Im „Madame Ngo“ bestelle ich immer die Pho mit Maishuhn und extra Gemüse, das „Kin Dee“ mag ich. An die Küche meiner Oma erinnern mich Rinderroulade oder Sauerbraten in der „Joseph-Roth-Diele“ in der Potsdamer Straße. Mein Nirwana allerdings ist mein Grundstück in Brandenburg, das ich mir gekauft habe. Gleich am Anfang habe ich mir dort eine Außenküche gebaut, mit großem, rundem Ofen in der Mitte. Jetzt hängt auch eine Lichterkette drüber … und da stehe ich dann mit Freunden oder auch den Nachbarskindern, wir machen Pommes, grillen im See geangelten Zander oder Flussbarsch, machen Pizza, alle reden, fühlen sich wohl und haben eine gute Zeit.

Foodie: Hast du dein ganz eigenes Wohlfühlgericht?

Tim Oliver Schultz: Ich koche auch gern für mich allein. Als auf meinem Grundstück noch nicht einmal die Hütte fertig war, war ich viel allein dort draußen und habe so einen Dreibein über das Lagerfeuer gestellt und Fleisch ausgekocht … ja, Brühen machen, stundenlang, Bouillon, Sachen reinschnippeln, würzen, abschmecken, das ist es, was mir am wohlsten tut und dabei kommen mir die besten Ideen.

Foodie: Zu Weihnachten wirst du auch in diesem Jahr wieder im Märchenfilm „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ als furchtloser Töpferjunge Michel zu sehen sein. Was wird es dazu als Festessen von dir geben?

Tim Oliver Schultz: Im letzten Jahr gab es Hirschbraten mit gemeinsam gekneteten und geschabten Spätzle. Das kam gut an. Das wird es auch in diesem Jahr wieder geben. Auch den Rotkohl dazu tagelang vorher schon vorzubereiten – das liebe ich. Jetzt muss ich aber los – mein Kind zu spät abzuholen, kommt in der Kita nicht so gut an.

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