Klimafreundlich einkaufen: Interview mit Sophia Hoffmann

Als Köchin, Autorin und Aktivistin ist Sophia Hoffmann Expertin für nachhaltige pflanzliche Ernährung. Im FOODIE-Interview gibt sie Tipps für einen nachhaltigen Alltag. Wir verraten euch außerdem, wie ihr umweltfreundlich einkauft. 

FOODIE: Sophia, du machst dich schon lange für eine Ernährung stark, die nachhaltig und klimaneutral ist. Was sind deine wichtigsten Tipps? 

Sophia Hoffmann: Es geht schon beim Einkauf los: weniger, dafür bewusster und geplanter – und regelmäßig Inventur in der Vorratskammer und im Kühlschrank machen. Wir wissen oft gar nicht, was wir alles haben, die meisten von uns lagern so viele Lebensmittel zu Hause, dass man einen Monat davon zehren könnte. Wir sollten das ganze Lebensmittel auch als Wertstoff sehen, etwa beim Gemüse wenn möglich auch Stiele, Blätter und Schalen verwenden. Ich habe ein tolles Rezept für eine Kohlrabischalensuppe entwickelt, das ist eine zusätzliche Mahlzeit, und man spart Geld. Produkte, die nicht mehr taufrisch sind, kann man auch gut raspeln, trocknen, daraus Suppen oder Pesto machen. Tierisches muss reduziert werden, wenn Fisch, dann bitte aus ökologischer, regionaler Süßwasser-Aquakultur. 

FOODIE: Warum ist es oft so schwer, den guten Vorsatz in die tägliche Tat umzusetzen? 

Sophia Hoffmann: Wie wir einkaufen und essen, ist sehr tief in uns verankert, und Bequemlichkeit spielt auch eine Rolle. An jeder Ecke wird uns heute ja ein Snack oder Coffee to go angeboten, plastikfrei und verpackungsarm einkaufen funktioniert bei Gemüse und Obst, ist aber ansonsten immer noch schwer. Im Grunde wäre es gut, wenn sich jeder intensiv mit Ernährung und der Herkunft von Produkten beschäftigt, schon in der Schule sollte es ein Unterrichtsfach sein. So ist etwa auch nicht jeder Marktstand per se vorbildlich, Märkte werden oft romantisiert, manche bieten aber auch nur Massenware. Ich empfehle, Erzeuger*innen und Höfe anzuschauen oder mal zu einem Tag der gläsernen Bäckerei zu gehen. Das Motto von Vivienne Westwood für Kleidung sollte auch für Lebensmittel gelten: buy less, choose well! In unserem Überfluss ist Wertschätzung verloren gegangen. 

FOODIE: Was kann ich schnell und praktisch im Alltag verändern? 

Sophia Hoffmann: Etwa statt Reis lieber Kartoffeln essen, die verursachen nur ein Bruchteil an Treibhausgasen und enthalten viel mehr Vitamine und Mineralstoffe. Hülsenfrüchte waren früher die wichtigste Proteinquelle – und sollten es wieder sein. Eine tolle Entdeckung sind etwa Lupinen. 

FOODIE: Klimafreundlich kochen heißt aber auch Energie sparen. 

Sophia Hoffmann: Unbedingt: Deckel drauf beim Kochen und immer darauf achten, dass Töpfe und Pfannen eine gute Leitfähigkeit haben. Auch Dampfkochtöpfe sparen Energie. Überprüft auch mal eure Öfen oder Kühlschränke, viele sind alt und Energiefresser, dann auf Ökostrom oder -gas umsteigen. Wenn ihr ein Schmorgericht mit langer Kochzeit zubereitet, könnt ihr daraus Meal Prep für mehrere Tage machen, damit der Energieaufwand ausgeglichen wird. Und bei jeder Anschaffung für die Küche an Langlebigkeit denken, ich vermeide etwa billige Messer mit Plastikgriffen, die man nicht schleifen kann, ich habe immer noch das Set, das ich vor 20 Jahren von meinen Eltern zum Auszug bekommen habe. Wir Konsument*innen dürfen aber nicht die einzigen Problemlöser sein, der Wertschätzungsgedanke muss auch von Politik und Wirtschaft gefördert werden. 

FOODIE: Welche Forderungen hast du an die Politik? 

Sophia Hoffmann: Ich plädiere dafür, „Klimakiller“ zu kennzeichnen, wie das auch in der Tabakindustrie schon üblich ist. Tierische Produkte etwa, die einen hohen CO² -Verbrauch bedeuten, sollten einen Hinweis tragen. Die ökologische Landwirtschaft sollte natürlich auch weiter gefördert werden, in der Massentierhaltung ist ja längst klar, dass billig auf lange Sicht nicht billig ist und wir einen hohen Preis dafür zahlen. 

FOODIE: Wie wirst du selbst aktiv? 

Sophia Hoffmann: Ich plane ein Restaurant in Berlin, das komplett biozertifiziert ist. Denn wenn wir essen gehen, verschließen wir oft die Augen vor dem Thema Nachhaltigkeit, jedes Produkt, das wir verwenden werden, soll nachvollziehbar in der Herkunft sein. 

FOODIE: Ist vegan für dich die Lösung? 

Sophia Hoffmann: Ich erwarte nicht, dass die Menschheit von heute auf morgen vegan wird, aber wir müssen den Konsum tierischer Produkte drastisch reduzieren, das ist ein großes Klimathema. Jeder pflanzliche Burger reduziert den CO² -Ausstoß. Die saisonal-regionale pflanzliche Küche muss der Standard sein – und eine Bio-Mango ein kleiner Luxus.

Umweltfreundlich einkaufen

Wollen wir dem Klima helfen, müssen wir unser Verhalten ändern. Übers Essen kann man viel bewirken. Rund 15 Prozent der CO² -Pro-Kopf-Emissionen in Deutschland werden durch Ernährung verursacht. Isst du saisonal, regional, vorwiegend pflanzlich, kannst du einen positiven Beitrag leisten. 

  • Regional und Bio: Dass wir fast jedes Lebensmittel zu jeder Jahreszeit verfügbar haben, verursacht Treibhausgase. Ob Datteln aus dem Nahen Osten oder Äpfel aus Neuseeland – all das legt eine weite, klimaschädliche Reise zurück. Auch Bio ist besser, denn hier kommt man ohne Pflanzenschutzmittel und wenig Dünger (beides wird energieintensiv produziert) aus, das schont Boden und Gewässer. 
     
  • Fisch oder „Vish“: Die Netflix-Doku „Seaspiracy“ hat die Problematik von Fisch verdeutlicht: Überfischung, Plastik in der Nahrungskette, Verschmutzung sind Stichworte beim Wildfisch, und viele Aquakulturen belasten die Ökosysteme. Es gibt sehr gute „saubere“ Zuchtbetriebe, aber auch „veganer Fisch“ ist eine Alternative. So bestehen die Stäbchen und „Filees“ von „Fisch vom Feld“ von Frosta zu einem Großteil aus Schwarzwurzeln, auf künstliche Zusätze wird verzichtet, und die Panade ist toll knusprig wie beim Original. 
     
  • Wenn Fleisch, dann gutes: Fleischkonsum ist eine der größten CO² - Quellen, da die Aufzucht der Tiere sehr energieintensiv ist. Wenn du nicht ganz auf Steaks verzichten möchtest, solltest du bio und regionale Herkunft statt anonymer, energieintensiver Massentierhaltung wählen. Tipp: Mit einem Fleischrechner (www.blitzrechner.de/fleisch), kannst du checken, wie sich dein Konsum auf die Umwelt auswirkt. Rindfleisch ist die klimaschädlichste Sorte und hat mit etwa 13 Kilogramm CO² -Äquivalenten eine viermal so hohe CO² -Bilanz wie Geflügel- oder Schweinefleisch. 
     
  • Wasser, marsch: Zum Glück ist die Welle exotischer Mineralwässer wie Fidji- und Gletscherwasser abgeebbt, wir haben in Deutschland sehr gute nachhaltige Quellen wie Gerolsteiner. Ohne Transportwege kommt Wasser aus dem Hahn aus, das allerdings nicht über so viele gute Mineralien verfügt. Falls du es lieber mit Kohlensäure magst: Wassersprudler für zu Hause gibt es ab 50 Euro. 
     
  • Kaffee oder Tee: Liebling Kaffee hat leider einen hohen CO² -Fußabdruck, je Tasse zwischen 59 und 100 Gramm, da der Anbau sehr viel Fläche und Energie verbraucht. Lieber öfter mal eine Tasse Tee trinken, der schneidet in der Ökobilanz drei- bis viermal so gut ab. 
     
  • Stau auf der Milchstraße: Es ist nicht zu übersehen, meterhoch sind die Regale mit Alternativen zur Kuhmilch – und immer neue kommen hinzu, denn Mandel, Reis und Soja haben mittlerweile nicht das beste Image: zu viel Wasserverbrauch, zu lange Anreise, zu viel Flächenverbrauch. Hafer kommt aus regionalem Anbau. Das schwedische Unternehmen Dug hat gerade Milch aus Kartoffeln auf den Markt gebracht, die einen um 75 Prozent kleineren CO² -Fußabdruck als Kuhmilch haben soll, das deutsche Start-up Vly ist mit Milch aus Erbsenprotein auf den Markt gegangen.
     
  • „Böse“ Butter: Butter gilt als Klimaschurke. Für die konventionelle Produktion von einem Kilo werden laut Öko-Test rund 24 Kilo CO² -Äquivalente ausgestoßen, ungefähr 18 Liter Milch werden schließlich dafür benötigt, eine intensive Haltung von Kühen ist nötig. Allein schon bei der Herstellung des Tierfutters werden jede Menge Treibhausgase freigesetzt. Zudem stoßen Kühe bei der Verdauung Methangas aus, welches noch klimaschädlicher ist als CO²
     
  • Tiefkühl-Pommes: Moment mal, die sind doch vegan! Stimmt, aber mit 5,7 Kilo CO² -Äquivalenten sind sie dennoch ein Klimasünder. Grund ist die aufwendige Herstellung der Pommes, die getrocknet, frittiert und tiefgekühlt werden müssen. Dafür wird extrem viel Energie benötigt. Dies trifft übrigens auch auf Trockenpulver für Kartoffelbrei zu, für dessen Herstellung etwa 3,8 Kilo CO² -Äquivalente benötigt werden.