Sarah Wiener im Interview

Sie ist streitbar und meinungsstark: Köchin und EU-Abgeordnete Sarah Wiener über Agrar-Politik, Fleischersatz – und warum sie im Parlament Dirndl trägt.

FOODIE: Liebe Sarah, wir kennen dich als engagierte Köchin und Biolandwirtin. Seit drei Jahren bist du als Abgeordnete für Österreichs Grüne im Europaparlament. Dein Ziel: unser Ernährungssystem nachhaltig zu verbessern. Wie war das anfangs?

Sarah Wiener: Die Lernkurve war steil. Zu Themen rund um Food habe ich mich ja immer schon geäußert, als Abgeordnete aber sollte man konkrete Lösungswege präsentieren. Permanent ringt man um Kompromisse. Manchmal ist es schon ein Erfolg, das Allerschlimmste abgewehrt zu haben.

Du bist Frau, Köchin, backst, imkerst, trinkst eigenen Brennnesseltee … hat man dich überhaupt ernst genommen?

Das war für mich keine Überlegung; mein voller Einsatz war von Anfang an gesetzt. Außerdem: Gerade als Politikerin will ich doch vorleben, wofür ich stehe – zudem Brüssel mich in meinen Werten noch bestärkt hat. Ich habe Zugang zu Akten, Studien und Hintergrundwissen aus erster Hand. Mittlerweile hilft ein tolles Team, ich sitze in den Ausschüssen für Agrar-, Umwelt- und Verbraucherschutz, bin Vizepräsidentin einer Initiative für Tierwohl … ja, und überall schreit es regelrecht nach Veränderung.

Was macht diese so schwierig?

Zu viele Eigeninteressen, zu wenig Mut. Jeder der großen Player – etwa für Landmaschinen, Dünger, Saatgut, Chemie oder Tier-Pharmaka bis hin zu den Mega-Foodkonzernen – will sein Stück vom Kuchen abhaben. Die Agrar- und Foodlobby ist in der EU eine der ältesten und mächtigsten. Zudem fehlte es am ehrlichen Willen, das anzugehen.

In Berlin macht Cem Özdemir als neuer grüner Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft einen Anfang …

… und wird mit Vernunft und harten Bandagen kämpfen müssen. Noch nie war die Auswahl an dem, was die Deutschen zu essen kaufen können, so dramatisch klein und von so minderer Qualität wie jetzt. Nur rund zehn Konzerne bestimmen, was in den Marktregalen liegt. Gleichzeitig werden Kleinbauern und Handwerk durch unfaire Preis- und Subventionspolitik in die Enge getrieben. Der größte Coup der Verantwortlichen ist aber, dass, wann immer über Landwirtschaft, Umwelt und Lebensmittel gesprochen wird, der Eindruck entsteht, als ginge jeder neue Ansatz zwangsläufig entweder auf Kosten der Verbraucher oder die der Bauern und Bäuerinnen – während die einen so fürchten, dass ihnen die billige gequälte Wurst aus der Hand gerissen wird, sehen sich die anderen am Ende ihrer Existenz. Die Wahrheit: Es geht allein um Gewinnmaximierung für die Industrie. Längst wird nicht mehr in der Landwirtschaft verdient, sondern an ihr.

Hoffnung macht die EU-Kommissionsstrategie „Farm to Fork/ Vom Hof auf den Tisch“, die du als Berichterstatterin für Europas Grüne mitverhandelt hast. Um was geht’s?

„Farm to Fork“ ist nun Herzstück des „Green Deal“, was klar macht, dass die darin vereinbarten Ziele bzgl. Klimaschutz, Artenvielfalt oder Gesundheit ohne den Umbau des Ernährungssystems nicht zu erreichen sind. Etwa durch obligatorische Herkunfts- und Nährwertkennzeichnungen, die Reduzierung von Pestiziden und Antibiotika um 50 Prozent, besseren Tierschutz, Emissionsreduktion und und und … Besonders stolz bin ich auf Förderung und Erforschung von regionalem Lebensmittelhandwerk.

Mit 452 zu 170 Stimmen hat sich das Europäische Parlament in Straßburg hinter „Farm to Fork“ gestellt. Bei den Sitzungen trägst du Dirndl …

… mein farbenfrohes Statement für Handwerk, Herkunft, Tradition sowie auch Individualisierung innerhalb der vielfältigen Strukturen Europas und für Feminismus; Dirndl waren traditionell das Arbeitsgewand der Mägde. Meine sind von der Manufaktur Tostmann am Attersee, seit drei Generationen fest in weiblicher Hand.

Kommst du noch zum Kochen?

Mein Essen koche ich mir täglich. Bis Corona kam, habe ich auch Abgeordnete zu meiner Küche eingeladen. Auch Politiker öffnen ihr Herz, wenn sie Gutes essen.

Was meinst du liegt in 50 Jahren auf dem Teller?

Momentan im Trend sind Fake-Produkte und Surrogate, wie im Labor gezüchtetes In-vitro-Fleisch oder aus Fetten, Chemie und Zusatzstoffen gemachter Analogkäse. Ausgerechnet die Global Player, die für billige Massentierprodukte, Tierleid und kaputte Felder verantwortlich sind, investieren nun Milliarden in die Entwicklung von Patenten und Ersatzprodukten, für die man intakte Natur ja erst gar nicht braucht. Auch in Zukunft will man die Marktmacht haben.

Was kann jeder Einzelne tun, das zu verhindern?

Koche selbst und mit Grundzutaten, am besten mit ökologisch produzierten. Iss Fleisch, aber wenig, dafür konsequent vom wesensgemäß gehaltenen Tier und esse ohne Scheu alles von ihm. Kaufe bei Deinen Lebensmittelhandwerkern in der Region ein, rege auch Freunde und Nachbarn zum gemeinsamen Kochen an. Schau genau auf die Etiketten, stell zurück, wenn du den Inhalt nicht verstehst, und überlege, ob du das nicht selber besser kochen kannst – oder lernen willst!

Ein Gericht, das für deine Werte und Lebensweise steht.

Mein Müsli am Morgen. Mit meiner Getreidemühle flocke ich schon am Abend Bio-Buchweizen, -hafer, -hirse und weiche die Flocken in Leitungswasser ein. Am Morgen reibe ich je nach Saison Äpfel oder Birnen, schneide Pfirsiche, Kirschen oder Zwetschgen, hacke Nüsse. Dazu Ingwer, Kurkuma, ein bisschen Zimt, manchmal ein Schuss Sahne oder ein Löffelchen Honig von – ja! – meinen Bienen. Der Tag kann beginnen.

Biografie Sarah Wiener

Sarah Wiener wuchs bei ihrer Mutter in Wien auf und kochte in Berlin im einstigen Kultlokal „Exil“, das ihrem Vater gehörte. Sie caterte an Filmsets, wurde als Köchin im Fernsehen bekannt, führte diverse Restaurants, eröffnete ihre Demeter-Holzofenbäckerei, übernahm mit Partnern Gut Kerkow in Brandenburgs Uckermark; 300 Black-Angus-Rinder ziehen dort über wilde Wiesen. 2019 ging sie für Österreichs Grüne als Abgeordnete ins EU-Parlament. Sie hat einen Sohn und pendelt zwischen Gut Kerkow, Wien, Brüssel und Straßburg. Brot und Süßes von Sarah Wiener gibt es in der „Wiener Brot Holzofenbäckerei“ in Berlin-Mitte. Biofleisch und -wurst aus Warmschlachtung von Gut Kerkow verkauft sie im Hof­l­aden und ihren zwei Metzgereien in Berlin-Mitte und in Berlin-Schönberg.